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Mittwoch, 7. Oktober 2015

Wochenmitte. Mal kurz nachdenken.



Ich muss dringend meinen Kopf aufräumen. Wie gut, dass mal wieder Mittwoch ist. In den letzten Wochen war ich viel unterwegs, bin dadurch auf viele Menschen getroffen und habe auffällig oft beobachtet (beobachten müssen):

dreist ist Trend.

Es sind die einfachsten Situationen. Ob es das Ehepaar am Flughafen ist, das sich dreist vordrängelt und dann das komplette Umfeld ausblendet, ganz nach dem Motto "wenn ich Dich nicht sehen kann, kannst Du mich auch nicht sehen". Oder ob es die ältere Dame ist, die bei den Sicherheitskontrollen einem anderen Mann die Kiste unter der Nase wegklaut und einfach geht, obwohl der quasi schon seinen Rucksack in ebendiese Kiste gestellt hatte. Oder ob es das junge Mädchen ist, das als einzige im Fahrradabteil der S-Bahn so sitzen blieb, sodass ich mein Rad nicht abstellen konnte. Andere Personen um sie herum waren bereits aufgestanden, um mir den Fahrradplatz freizumachen. Sie blieb sitzen. Genau in der Mitte. Starrer Blick nach unten, denn wir wissen ja: "wenn ich Dich nicht sehen kann, kannst Du mich auch nicht sehen" und "was ich nicht sehe, ist nicht da". 

Aber Überraschung: man kann euch sehen. Das Spiel hat schon damals im Kleinkindalter nicht funktioniert. Und dreist ist auch leider nicht cool, sondern kacke. Doch für euch gelten irgendwie Sonderregeln. Ihr dürft am Kiosk eure eigene Warteschlange aufmachen, wenn euch die eigentliche zu lang ist. Ihr dürft auf jeden Fall auch im Straßenverkehr immer überholen und notfalls auch parallel zur eigentlichen Fahrbahn auf der Gegenspur anhalten. Ihr dürft euch sogar empören, wenn man euch bittet, im Ruheabteil des ICEs mit dem lautstarken Telefonieren aufzuhören. Und ihr seid natürlich im Recht, wenn man euch auf eure Dreistigkeit anspricht.

Für euch gibt es kein Miteinander und kein Rücksicht nehmen. Da gibt es nur euch, euch, euch, denn was mit den anderen ist, kann euch ja egal sein. Hauptsache ihr seid die Ersten, die Schlausten und die Schnellsten. Keine Rücksicht auf Verluste. Mich macht das fuchsteufelswild. Ihr seid nicht cool, ihr seid kacke. Was tut es euch denn weh, wenn ihr leiser telefoniert, einen Bahnsitzplatz weiter nach rechts rückt, euch eine eigene Kiste sucht oder euch am Flughafen einfach in die Schlange stellt? Ihr telefoniert doch dann immer noch, habt immer noch einen Sitzplatz, dann sogar eure eigene Kiste und das Flugzeug fliegt ohne euch eh nicht.

Es liegt auch nicht an unserer Generation, auf die man gerne alles schiebt. Es sind auch die Älteren, die es eigentlich besser wissen müssten. Und es kommt auch leider nicht selten vor, sondern verdammt oft. Vielleicht liegt es daran, dass ich so oft im Zug sitze und sich dort solche Vorkommnisse häufen - Fakt ist:

Ihr seid mir zu dreist. Ihr da draußen, die genau so sind wie oben im Text beschrieben.

Um das zu unterstreichen, möchte ich an dieser Stelle meine Lieblingsbahnbegegnung der letzten Monate schildern:
Mein Weg führte mich von Bamberg nach Nürnberg und ich stieg dafür mal wieder in den Zug. Für gewöhnlich wird an den vorderen Zugteil noch ein hinterer angehängt. Dieser hatte jedoch Verspätung und weil Menschen eben so sind, stopften sich alle in den vorderen Zugteil. Fast jeder Platz war schon besetzt - so blieb ich im Eingangsbereich stehen. Direkt vor mir befand sich das Fahrradabteil. Ihr wisst schon. Das sind diese freien Flächen mit den Klappsitzen, vor die man normalerweise ein Rad stellt und dann mit dem Haltegurt befestigt. Die Klappsitze waren jedoch von zwei Frauen besetzt. Beide gehörten augenscheinlich nicht zusammen, sie kannten sich nicht. Die ältere von beiden las Zeitung und blickte grimmig drein. Das hätte mich schon warnen sollen. Die Türen gingen auf und ein Mädchen betrat mit ihrem Fahrrad das Abteil, blickte sich kurz um, sah, dass der Fahrradplatz von den zwei Frauen besetzt war und musste wohl oder übel im Gang stehen bleiben. Mit Fahrrad. Dadurch war es einigen Fahrgästen erschwert, durch den Gang zu laufen. Aber was sollte das Mädchen machen? Sie befand sich im richtigen Abteil, doch die Frauen bewegten sich kein Stück. Die ältere Frau legte ihre Stirn immer mehr in Falten und rümpfte die Nase, dann wandte sie sich der anderen zu und sagte laut, und sodass sie jeder im Abteil hören konnte: "Ich hasse es, wenn Leute mit ihrem Fahrrad im Zug fahren müssen!" Die andere nickte ihr zu. Das junge Mädchen war empört. "Entschuldigen Sie, ich bin bereits im Fahrradabteil. Wo soll ich denn hingehen?" Da blickte die ältere Frau von ihrer Zeitung auf, schob ihre Brille auf die Nase und blickte das Mädchen mit scharfem Blick an. "Wer hat denn mit Ihnen gesprochen? Mit Ihnen habe ich doch überhaupt nicht geredet? Was bilden Sie sich ein?" Ich war fassungslos. Da hatte sich die ältere Frau soeben über das Mädchen mit dem Fahrrad aufgeregt und regte sich dann auf, dass das Mädchen darauf reagierte. Ich verlieh der älteren Frau insgeheim den Titel der unverschämtesten und dreistesten Person, die ich in meinem Leben jemals getroffen hatte und wandte mich ab, bevor ich so richtig sauer werden konnte.


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1 Kommentar:

  1. Boah, da bekomme ich gleich eine Laune, wenn ich das lese! Solche Leute kann ich auch absolut nicht verstehen! Ist mir in den vergangenen Wochen hier überhaupt nicht passiert, aber wie man mit solchen Scheuklappen und nur auf sich selbst fokussiert durchs Leben gehen kann, ist mir auch ein bisschen unbegreiflich..

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Sahnehäubchen sind natürlich immer gerne gesehen :)