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Mittwoch, 17. Februar 2016

Wochenmitte. Heute mal nichts Leichtes.

Blogbeitrag_17022016_bearbeitet-1

In letzter Zeit habe ich dieses Gespräch oft geführt. Ob zuhause beim Teetrinken, im Café nach der Uni oder mitten in der Stadt. Das Thema ist so präsent wie nie und ich habe das Gefühl, dass jeder jemanden in seinem Umfeld hat, der davon betroffen ist. Betroffen von Gewalt gegen Frauen.

Vor wenigen Tagen noch saß ich wie gebannt vor meinem Bildschirm. Es lief "The Hunting Ground" auf Netflix. Eine Dokumentation über junge Frauen in den USA, die in Verbindungshäusern oder auf Partys von Kommilitonen vergewaltigt werden. Man möchte meinen, das habe Konsequenzen für die Täter. Doch dem ist nur selten so. Die Frauen überwinden sich, von der Tat zu erzählen - und werden von der Universität und den Behörden im Stich gelassen. Man will ihnen nicht glauben. Einzugestehen, dass solche Taten an der Uni passieren, schadet immerhin dem Image. Also macht man was? Man gibt den Frauen selbst die Schuld:
"Waren Sie alkoholisiert?", "Hatten Sie einen kurzen Rock an?", "Haben Sie ihm das Gefühl gegeben, er habe Chancen bei Ihnen?" - "Na, dann brauchen sie sich nicht wundern."


Wieso sind heute, im Jahr 2016, noch so viele Menschen der Meinung, man sei selbst Schuld, wenn man Opfer eines Gewaltverbrechens wird? Angela veröffentlichte bereits vergangenen September einen Blogbeitrag mit dem Titel #stillnotaskingforit und beschreibt es ganz treffend "Wir leben in einer Welt, in der man seinen Kindern erzählt, dass große Jungs nicht weinen und man als Mädchen eigentlich immer davon ausgehen kann, dass Männer schlechte Intentionen haben."

Wie Angela behaupte auch ich von mir, mit so wenigen Vorurteilen wie möglich durchs Leben zu gehen. Und doch gelingt es mir nicht immer. Erst vor Kurzem bin ich tausend Tode gestorben, weil ich nicht wusste, ob ein Mann schlechte Absichten hatte. Ich kann mich noch genau daran erinnern: eine Freundin verabredete sich online zu einem Date mit einem Mann, den sie vorher noch nie gesehen hatte und der nichts über sich preis geben wollte. Sie lud ihn zu sich nach Hause ein. Die Freundin und ich trafen aus Vorsicht eine bestimmte Vereinbarung: sollte die Stimmung kippen und sie fühlt sich unwohl, schreibt sie mir und ich bin sofort da. Im größten Notfall sogar mit Schlüssel zu ihrer Wohnung. "Wird schon alles gut gehen, was soll sein?", dachte ich noch, als plötzlich ihr Chat in whatsapp aufblinkte und wirre Nachrichten erschienen.
Ich hatte sofort meine Schuhe an, Mantel übergeworfen, ihren Zweit-Hausschlüssel fest in der Hand und rannte los. Das Horrorszenario vor Augen. "Was, wenn sie da jetzt sitzt und er hat ihr Handy, will ihr was tun und kann sich aus irgendeinem Grund nicht wehren?" Ich stand kurz vor einem Herzinfarkt, ging gedanklich durch wie ich die Situation angehen würde und wäre am liebsten vor Freude in die Knie gegangen als sich herausstellte, dass sie nicht in Gefahr war. Der Typ war nicht gefährlich, sondern einfach nur ein Arsch, der sie überredete, mir zu schreiben.

Auf dem Nachhauseweg beschäftigte mich dann eines besonders. 'Dass wir überhaupt solche Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen, ist doch eigentlich komplett bescheuert', kam es mir in den Sinn. Und der Gedanke ließ mich nicht mehr los. 'Wir Mädels haben nach wie vor Angst, dass der Kerl sich nicht beherrschen kann und ein Nein nicht versteht.' Weil man's eben doch schon mal mitbekommen hat. Im eigenen Freundeskreis. Weil man die Erzählungen kennt, in denen Partner ihre Freundin nach einem Streit ins Zimmer sperren oder ihnen körperliche Gewalt antun. Weil man die Angst in den Augen der guten Freundin sieht, wenn sie im Club steht und dir mit zitternder Stimme sagt "Lass uns bitte gehen. Da drüben ist der Kerl, der mich vergewaltigt hat. Lass uns einfach nur abhauen.

Wir sind im Jahr 2016 angekommen, doch so weit haben wir es gar nicht geschafft. Uns beschäftigen die selben Dinge wie vor zehn Jahren, obwohl wir uns alle weiterentwickeln. Zumindest möchte man das immer meinen. Ich möchte bei einer neuen Begegnung im Internet eigentlich nicht zuerst denken müssen: 'Was der vor hat? Vielleicht will der was ganz anderes und ich komme aus dieser Situation nicht mehr heil heraus.

Dabei ist es gar nicht so schwer zu verstehen. Denn NEIN heißt NEIN. Ein "Ich weiß nicht" heißt NEIN. Und auch ein Schweigen kann NEIN heißen. Nur ein JA heißt JA. Und das richtet sich an alle Menschen. Nicht nur an Männer. An alle. Bitte begreift es. Was ist dabei, nachzufragen, ob eine Berührung beim anderen okay ist? Ob es in Ordnung ist, dass man sich näher kommt? Was ist dabei? Und was ist dabei, eine ehrliche Antwort zu akzeptieren?

Letzten Sonntag, am 14. Februar, fand weltweit die OneBillionRising Demonstration statt. Auch ich stolperte zufällig in eine große tanzende Menge mitten in der Bamberger Innenstadt. Frauen und Männer allen Alters hatten sich versammelt, um gemeinsam auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Jede dritte Frau weltweit war bereits Opfer von Gewalt, wurde geschlagen, zu sexuellem Kontakt gezwungen, vergewaltigt oder in anderer Form misshandelt. Das sind eine Milliarde Frauen weltweit. Hunderte Menschen tanzten alleine bei uns friedlich gegen diese Gräuel. Das Thema ist präsent wie nie.

Ganz egal, ob Frau oder Mann - du bist nicht selbst schuld, wenn dir das widerfährt! Weder deine Klamotten, noch deine Tattoos, noch dein Alkoholkonsum rechtfertigen sexuelle und gewalttätige Übergriffe! Trau dich, sprich darüber. Neben den wenigen Menschen, die dich nicht verstehen wollen oder dir die Schuld geben wollen, gibt es auch noch Menschen wie mich und wie die Menschen in meinem persönlichen Umfeld. Menschen, die dir glauben und dich unterstützen. Es soll dir nicht peinlich sein, denn du kannst nichts dafür.

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1 Kommentar:

  1. Super schöner Blog! :) Uns würde es sehr freuen wenn du auch mal auf unserem Blog vorbei schauen würdest :

    http://fourtvne.blogspot.de

    Viele Grüße :)

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