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Mittwoch, 14. September 2016

Mitte der Woche. Wieso mir Bahnfahren geholfen hat, obwohl ich es hasse.


Regungslos sitze ich da und starre nach draußen. Bäume, Straßen und Häuser rauschen an mir vorbei, kalte Luft hämmert durch die halbgeöffneten Fenster des Zuges. Waren es zu Beginn der Fahrt noch unerträgliche 33 Grad Septemberhitze, wird es nun langsam dunkel und der Wind im Abteil macht es mir leichter, einfach nur dazusitzen und nach draußen zu starren. Meine Sitzposition ist nicht annähernd bequem, es ähnelt mehr einer Verrenkung, doch ich bin alleine im Abteil und bereits so eingesessen, dass es mir egal ist. Ich starre nach draußen. Sind es die Bäume, Straßen und Häuser, die an mir vorbeirauschen oder bin ich es, die an ihnen vorbeizieht, ohne Spuren zu hinterlassen? Die blaue Stunde war angebrochen und ich fühle mich zurückerinnert an die Abendstunden im vergangenen Sommer, als ich noch in meiner Studenten-WG am Fenster saß und stundenlang den Himmel betrachtete. Das war die beste Zeit, um nachzudenken. Schon immer. Und so wandern die Gedanken auch heute, während es draußen Minute für Minute dunkler wird. So viel ist seit dem letzten Sommer passiert. So viel ist entstanden und wieder geendet. „Der Lauf der Zeit“ – so heißt es doch.

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Stundenlang gefangen in der toten Zeit des Zugfahrens erscheinen plötzlich alle Probleme und Gefühle so fürchterlich nichtig. Bin nicht hier, nicht dort, immer in Bewegung. Ich bin irgendwo entlang von Wasser, die Mosel müsste es sein, doch ich habe jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren. Es ist mir schlichtweg egal. Denn es werden nach und nach Gedanken lauter: Wie kann ich meinen Alltag eigentlich nur so abhängig von Gefühlen machen, die mir andere geben. Wie können mich andere so verletzen, wenn ich doch nichts falsch gemacht habe. Wie kann mich eine simple Traurigkeit so lähmen? Sie ist doch nur ein simples Gefühl. Eine Empfindung. Und ich bin mir dessen bewusst. Wie kann es sein, dass sich äußerer Druck auf mich auswirkt, wo ich doch weiß, dass der Druck nicht von mir, sondern von außen kommt? 


Mit jedem Baum, der an mir vorbeirauscht, scheint es mir törichter, mich mit Gefühlen aufzuhalten. Hier in der toten Zeit, ohne festen Ort, scheint mir alles möglich. Ich kann alles schaffen, wenn ich will. Oder nicht? Ich habe doch mich und all das, was ich kann. Je dunkler es draußen wird, desto ruhiger werde auch ich. Ich sollte sie abschütteln, all die schlechten Gefühle. Die, von denen ich weiß, woher sie kommen. Ich sollte daran arbeiten, alles Schlechte für mich aus meinem Leben zu entfernen. Wieso halte ich mich überhaupt damit auf, mich schlecht zu fühlen, wenn ich so rational bin zu wissen, dass es so nicht bleibt, sondern besser wird? Wieso warten bis es sich von alleine regelt und nicht selbst beschließen, wann der Schmerz endet?

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Mittlerweile ist es stockfinster draußen und kann nichts mehr erkennen, außer mein müdes Spiegelbild, das mit Sonnenbrille auf dem Kopf und neben drei Taschen auf dem Nebensitz in den Laptop tippt. Eine Stunde des Starrens ist vergangen und ich blicke in ein Gesicht, das ahnt zu wissen, was es kann und was es will. Ich will mich nicht zu sehr durch äußere Faktoren definieren lassen. Ich erinnere mich an eine Nachricht, die ich erst vor ein paar Tagen bekam: „Du lässt dir nichts durch andere versauen (...) Also konzentrier dich auf dich selbst, das ist wichtiger. Und du machst es genau richtig, ziehst es durch, so wie sich das gehört.“ Dachte ich vor ein paar Tagen noch, das sei leichter gesagt als getan, sitze ich nun hier und weiß: wie wahr. Eigentlich ist es genau so leicht getan. Ich muss es nur wollen.
Es ist also diese Zugfahrt, die mit einer halben Stunde Verspätung und ohne Klimaanlage dafür gesorgt hat, dass ich meine Gedanken sortiere. Offensichtlich habe ich nach zweieinhalb Wochen des Trubels genau diese tote Zeit gebraucht, um mir selbst zuzuhören. Wenn ich aussteige, werde ich mir mein Vorhaben noch öfter in Erinnerung rufen müssen. Auch dieses Bewusstsein braucht Zeit bis ich es vollständig verinnerlicht haben werde. Und ich werde wohl noch ein- zwei Mal darüber schlafen müssen. Aber: das ist der Lauf der Zeit.
Dass ich es hasse mit der Bahn zu reisen, hat sich aber nicht geändert. Fünf Stunden bei 30 Grad ist nun mal eine Zumutung. Und Steckdosen gibt es hier auch nicht. Aber hey - ich mache meine Laune mal nicht davon abhängig.
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